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Wie viel Vertrauen wagen wir noch?
verfasst am 28. Mai 2012 von Martin Gross-Albenhausen
Auf der bvh-Leaders‘ Lecture hat der F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher einen beeindruckenden und beunruhigenden Vergleich zur industriellen Revolution gezogen. Die Industrialisierung hat die Menschen bis hin zur körperlichen Entwicklung verändert. Muskeln verkümmerten, neue Krankheiten entstanden, und es entwickelte sich das Krankheitesbild der „Fatigue“ - der Erschöpfung trotz der wesentlich weniger anstrengenden Arbeit.
Wie, so Schirrmachers Frage, wird sich der Mensch durch die kulturelle Revolution des Internets verändern?
Einer der Bereiche, der sich heute schon ändert, ist die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. Auf Distanz zu kommunizieren, wie im Internet üblich, hat zu einer Vielzahl von Hilfskonstruktionen geführt. Siegel und Sterne, Kundenkommentare und „Likes“ helfen dabei, Anbieter und Produkte auch ohne den berühmten Augenschein zu beurteilen. Mit Unterstützung der Deutschen Post wurde sogar ein eigenes Institut gegründet, das sich mit „Vertrauen und Sicherheit im Internet“ beschäftigt - das DIVSI.
Aber wie weit tragen diese Hilfskonstruktionen?
Frank Schirrmacher kommt aus der Zeitungswelt. Ihm dürfte die Diskussion bekannt sein, die unter Journalisten und Kommunikationswissenschaftlern nach Markteinführung der Zeitung USA Today entbrannt ist. Die USA Today prägteim amerikanischen Blätterwald die Konzentration auf Visualisierung von Zahlen in Form von Infografiken und „Polls“. Statt zu argumentieren, wurde befragt, und die Resultate zeigten die Meinung der Mehrheit an. Die Publizisten argwöhnten, dass die technokratische Konzentration auf Zahlen in sich struktur-konservativ sei.
Das Internet hat dieses „Polling“ zum Prinzip gemacht. Algorithmen berechnen die Bedeutung aufgrund von Indexwerten (Linkstruktur auf der Seite, Links auf die Seite, Keyword-Dichte in Verbindung mit der URL-Struktur...). Genau solche Mittelwerte berechnen auch die „5 Sterne“, die zur Zeit in der Presse selbst von aktiven Rezensenten immer kritischer betrachtet werden. Google entpuppt sich als durchaus akkurat in der Vorhersage von Trends, aber auch Krankheiten oder politischen Stimmungswechseln.
Immer öfter werden auch persönliche Beziehungen aufgrund von „Matching“-Algorithmen gestiftet. Immobilien-Portale legen die Qualität von Nachbarschaften nach Kriterien fest, die nichts über die gute oder schlechte Nachbarschaft an sich aussagen. Der „Schulradar“ erfasst die Qualität einer Schule auf Grundlage von Bewertungen von Schülern und Eltern (die, wen wundert es, nicht unbedingt deckungsgleich bewerten).
Das Wissen der „Menge“ kann ein mächtiges Korrektiv gegenüber irreführenden Aussagen sein. Wird dies am Ende aber vielleicht zu einer Erosion des Vertrauens insgesamt führen? Werden wir am Ende eine Gesellschaft, in der Misstrauen überwiegt, und nichts für wahr gilt, was nicht von einem statistisch ermittelten „Quorum“ Dritter für akzeptabel gehalten wird? Und können wir auch dann noch Enttäuschung aushalten, wenn trotz der 5 Sterne die Leistung nicht stimmt?
Frank Schirrmacher führte ins Feld, dass in der Internet-Gesellschaft die „Intuition“ höher bewertet werden solle - die nicht maschinell begründete Entscheidung. Intuition ist das Vertrauen nicht auf die große Zahl (das wäre Berechnung), sondern auf „sich selbst“. Ob im Beruf, in der Gesellschaft oder in der Liebe: Wie viel Vertrauen wagen wir noch?
